Unsere Kämpfe sichtbar machen und miteinander verbinden

Eine Sammlung von Beiträgen unserer Genoss*innen aus Paris zur aktuellen Situation im Iran, die vom „Roued Collective“ ins Deutsche übersetzt wurden.


Ihr könnt den Echo d’Iran -Oktober 2026 hier lesen:

Vorwort des Roud-Kollektivs zu dieser Broschüre:

Dieses Heft ist die deutsche Übersetzung des französischsprachigen Bulletins Écho, das regelmäßig von den Genoss*innen der SSTI herausgegeben wird.

Vor einiger Zeit sahen wir uns mit der Notwendigkeit konfrontiert, ein monatliches Bulletin in deutscher Sprache herauszugeben, das über die aktuellen Entwicklungen im Iran berichtet. Damit wollten wir deutschsprachigen Genoss*innen ermöglichen, sich über die Ereignisse im Iran zu informieren, ohne dabei auf die etablierten Mainstream-Medien angewiesen zu sein.

Nach einiger Zeit des Überlegens und Zögerns entschieden wir uns jedoch, das Rad nicht neu zu erfinden, sondern auf die Arbeit unserer Genoss*innen in Frankreich zurückzugreifen. Dieser Vorschlag stieß bei ihnen auf Zustimmung und wurde ausdrücklich begrüßt.

Für die deutsche Ausgabe haben wir die Berichte aus dem französischen Bulletin teilweise gekürzt, um sie kompakter zu gestalten und den Umfang des Heftes zu reduzieren.

Die vorliegende Ausgabe ist die zweite deutsche Ausgabe des Bulletins Écho.

Unsere Leser*innen wissen, warum es heute wichtig ist, die Lage im Iran genauer zu verstehen. Darauf müssen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen, zumaleinige der folgenden Texte dies bereits ausführlich tun.

Wir möchten jedoch deutlich machen, dass unser Interesse über den Iran hinausgeht. Auch wenn wir uns mit dieser Broschüre einer konkreten Aufgabe widmen, betrachten wir die Entwicklungen im Iran nicht losgelöst von den weltweiten gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen.

Weltweit erleben wir Kriege, zunehmende Militarisierung, den Vormarsch rechter und faschistischer Kräfte sowie Angriffe auf unsere Lebensbedingungen. Steigende Preise, niedrige Löhne, unsichere Arbeitsplätze und Sozialabbau gehören zum Alltag vieler Menschen. Während enorme Summen für militärische Zwecke ausgegeben werden, fehlt es an Geld für Wohnen, Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit. Die Kosten der Krise sollen wir tragen, während diejenigen, die von Ausbeutung und Ungleichheit profitieren, ihre Macht verteidigen.

Gleichzeitig geschieht so viel auf der Welt, dass zahlreiche Kämpfe schnell wieder aus dem Blick geraten. In Albanien protestieren junge Menschen und Studierende gegen Korruption und schlechte Bildungschancen. Auch in Indien gehen junge Menschen gegen Missstände im Bildungssystem, fehlende Perspektiven und staatliche Repression auf die Straße. In Frankreich, Spanien und Italien gehen Menschen gegen Sozialabbau und steigende Lebenshaltungskosten auf die Straße.

Diese Kämpfe haben unterschiedliche Hintergründe. Doch sie zeigen, dass Menschen weltweit nicht bereit sind, jede Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen widerspruchslos hinzunehmen. Sie machen deutlich, dass Widerstand möglich ist und Menschen gemeinsam für ihre Forderungen eintreten können. Solche Erfahrungen geben uns Mut und Hoffnung. Doch wie können wir diese unterschiedlichen Kämpfe miteinander verbinden, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren? Und wie können wir verhindern, dass ihre Ziele im weiteren Verlauf verdrängt oder von anderen politischen Kräften vereinnahmt werden?

Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass emanzipatorische Bewegungen nicht nur durch Repression zerschlagen, sondern auch von politischen Kräften vereinnahmt werden können, die dank ihrer finanziellen Ressourcen, gefestigten Strukturen und weitreichenden Netzwerke Einfluss gewinnen. Auf diese Weise können die ursprünglichen Ziele solcher Bewegungen verdrängt und ihre Kämpfe den Interessen neuer Machteliten untergeordnet werden.

Erinnern wir uns an die Aufstände in Ägypten und Tunesien. Junge Menschen, Arbeiter*innen und breite Teile der Bevölkerung erhoben sich gegen autoritäre Herrschaft, soziale Ungleichheit und Perspektivlosigkeit. Doch die Menschen, die diese Aufstände getragen hatten, konnten ihre politischen Forderungen nicht dauerhaft selbst bestimmen. In Ägypten folgte auf die Herrschaft der Muslimbruderschaft die erneute Festigung der Militärherrschaft. Auch in Tunesien wurden wichtige Errungenschaften des Aufstands später zurückgedrängt.

Ähnliche Erfahrungen machte die iranische Bevölkerung nach der Revolution von 1979. Viele Menschen hatten für Freiheit und soziale Gerechtigkeit gekämpft, doch am Ende setzte sich eine neue autoritäre Herrschaft durch: die Islamische Republik. Die Hoffnungen und Forderungen vieler Menschen nach grundlegender gesellschaftlicher Veränderung wurden einer neuen politischen Ordnung untergeordnet, die ihnen die Möglichkeit nahm, selbst über die Zukunft ihres Landes zu bestimmen.

Auch der Sudan zeigt, wie weit der Weg von einem Aufstand gegen eine Diktatur bis zur tatsächlichen Selbstbestimmung der Bevölkerung sein kann. 2019 erhoben sich Hunderttausende Menschen gegen die 30-jährige Herrschaft Omar al-Baschirs und trugen mit ihren Protesten entscheidend zu seinem Sturz bei. Doch der Sturz des Diktators bedeutete noch keine Überwindung der militärischen Machtstrukturen. Im Oktober 2021 putschte das Militär erneut gegen die Übergangsregierung. Seit April 2023 führen die sudanesischen Streitkräfte und die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) einen verheerenden Krieg gegeneinander. Die Bevölkerung, die für Freiheit, Frieden und eine zivile Regierung auf die Straße gegangen war, ist erneut der Gewalt bewaffneter Machtzentren ausgeliefert. Der Sudan führt uns damit vor Augen, wie schnell die Hoffnungen und Errungenschaften eines Aufstands verloren gehen können, wenn die Bevölkerung die Macht über ihre eigene Zukunft nicht dauerhaft sichern kann.

Ein anderes Beispiel bietet Griechenland: 2015 lehnte eine Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum die europäische Austeritätspolitik und die damit verbundenen Sparauflagen der Gläubiger ab. Dennoch gab die Regierung unter Alexis Tsipras und der Partei Syriza dem Druck der europäischen Institutionen und der Gläubiger nach und akzeptierte ein weiteres Sparprogramm. Für viele Menschen bedeutete dieser Rückzug eine Missachtung ihres demokratisch erklärten Willens und einen Bruch mit den ursprünglichen Versprechen, die neoliberale Sparpolitik zu überwinden und einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel einzuleiten.

Ein weiteres Hindernis für emanzipatorische Bewegungen ist die Einflussnahme regionaler und globaler kapitalistischen Mächte. Staaten unterschiedlicher Größe und mit unterschiedlichen Interessen können versuchen, revolutionäre Prozesse zu zerschlagen, sie ihren geopolitischen Interessen unterzuordnen oder ihre eigenständige Entwicklung einzuschränken. Selbst wenn diese Staaten miteinander konkurrieren oder Kriege gegeneinander führen, können sich ihre Interessen darin überschneiden, unabhängige gesellschaftliche Bewegungen zu kontrollieren und bestehende Machtverhältnisse zu sichern. Zugleich können Kriege und die zunehmende Militarisierung eigenständige Kämpfe in den Hintergrund drängen, sie schwächen oder ihre Entwicklung untergraben. Die revolutionären Bewegungen im Iran und im Sudan zeigen auf unterschiedliche Weise, wie schwierig es ist, revolutionäre Errungenschaften unter solchen Bedingungen zu bewahren.

Zugleich schreitet die weltweite Militarisierung voran. Die Aufrüstung mit immer moderneren Waffensystemen, der Ausbau von Überwachungsinfrastrukturen und der Einsatz digitaler Technologien schaffen für Staaten zusätzliche Möglichkeiten, gesellschaftliche Bewegungen zu kontrollieren, ihre Aktivitäten zu überwachen und ihren Widerstand zu unterdrücken. Die Rüstungsindustrie profitiert von dieser Entwicklung, während enorme gesellschaftliche Ressourcen in militärische Aufrüstung fließen, statt für soziale Bedürfnisse eingesetzt zu werden. Repression beschränkt sich dabei nicht auf offene Gewalt. Sie kann auch durch Überwachung, Einschüchterung, die Einschränkung politischer Handlungsmöglichkeiten und die Zerschlagung unabhängiger Organisationsstrukturen erfolgen.

Unter diesen Bedingungen wird es für emanzipatorische Bewegungen besonders schwierig, ihre Errungenschaften zu verteidigen und dauerhafte, unabhängige Strukturen aufzubauen. Die Erfahrungen im Iran und im Sudan zeigen auf unterschiedliche Weise, wie schwer es ist, gesellschaftliche Aufbrüche gegen autoritäre Machtstrukturen, militärische Interessen und äußere Einflussnahme zu behaupten. Dabei geht es nicht nur darum, eine bestehende Herrschaft zu überwinden, sondern auch darum, zu verhindern, dass die eigenen Kämpfe neuen Machtinteressen untergeordnet werden.

Diese Erfahrungen zeigen, dass es nicht genügt, eine Regierung zu stürzen oder eine politische Führung abzulösen. Entscheidend ist auch, wer danach die Macht übernimmt und ob die Menschen ihre politische Selbstständigkeit bewahren können. Ebenso wichtig ist die Frage, unter welchen gesellschaftlichen und internationalen Bedingungen sie ihre Selbstbestimmung verteidigen und eigene politische Alternativen entwickeln können.

Internationalismus von unten: Solidarität, Vernetzung und Selbstorganisierung

Diese Frage stellt sich ebenso bei der Solidarität mit Palästina. Der Kampf gegen Besatzung, Vertreibung und koloniale Unterdrückung darf nicht den Interessen anderer Staaten und ihrer Machtblöcke untergeordnet werden. Die berechtigten Forderungen der palästinensischen Bevölkerung nach Freiheit und Selbstbestimmung sind nicht dasselbe wie die geopolitischen Interessen des iranischen Staates oder anderer regionaler Mächte. Solidarität bedeutet für uns, die Selbstbestimmung der Menschen zu verteidigen, statt eine staatliche oder nationale Führung an die Stelle ihrer eigenen Entscheidungen zu setzen.

Was können wir aus diesen Erfahrungen lernen? Wir müssen unabhängige Strukturen von unten stärken: in Betrieben, Stadtteilen, Schulen und Universitäten, in Frauenbewegungen und sozialen Initiativen. Wir müssen die unterschiedlichen Kämpfe auf einer autonomen und antiautoritären Grundlage miteinander verbinden, voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen, ohne unsere Eigenständigkeit aufzugeben. Keine Partei, kein Staat und keine politische Führung darf für sich beanspruchen, allein im Namen einer Bewegung zu sprechen.

Mit dieser Broschüre wollen wir dazu beitragen, die Kämpfe im Iran sichtbar zu machen und ihre Verbindung zu den weltweiten Auseinandersetzungen um Freiheit und soziale Gerechtigkeit aufzuzeigen. Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, einzelne Angriffe zu dokumentieren. Wir müssen Erfahrungen bewahren, Verbindungen schaffen und eine internationale Solidarität entwickeln, die unabhängig von staatlichen Interessen und politischen Machtblöcken ist. Dafür braucht es kontinuierliche Arbeit, gegenseitiges Vertrauen und unabhängige Organisierung.

Dabei verstehen wir Internationalismus von unten als eine notwendige Antwort auf die Grenzen national isolierter Kämpfe. Die zuvor genannten Beispiele zeigen, wie schwierig es ist, emanzipatorische Errungenschaften dauerhaft zu verteidigen, wenn gesellschaftliche Bewegungen auf den nationalen Rahmen beschränkt bleiben. Die Machtverhältnisse, gegen die sie sich richten, machen nicht an nationalen Grenzen halt. Kapital ist längst global organisiert: Multinationale Konzerne, internationale Finanzstrukturen und die Rüstungsindustrie sind über Ländergrenzen hinweg miteinander verflochten. Auch Staaten, die geopolitisch miteinander konkurrieren, unterhalten wirtschaftliche Beziehungen und verfolgen eigene Interessen an der Sicherung ihrer Macht.

Deshalb brauchen wir eine internationale Solidarität von unten, die unabhängig von staatlichen Interessen und militärischen Interventionen aus dem Westen oder dem Osten entsteht. Es geht nicht darum, die Unterstützung durch eine Macht gegen die Einflussnahme einer anderen auszutauschen. Vielmehr müssen unabhängige soziale Bewegungen über Ländergrenzen hinweg miteinander in Verbindung treten, Erfahrungen austauschen und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten entwickeln. Eine solche Solidarität soll Menschen dabei unterstützen, ihre Kämpfe selbstständig zu führen und ihre politischen Ziele eigenständig zu bestimmen, statt sie den Interessen konkurrierender Staaten und Machtblöcke unterzuordnen.

Die Frage ist nicht allein, wie wir uns gegen die Angriffe auf unsere Lebensbedingungen wehren. Wir müssen auch dafür sorgen, dass unsere Kämpfe nicht erneut vereinnahmt werden, sondern den Weg für eine freie, solidarische und selbstbestimmte Gesellschaft öffnen.

 Roud-Kollektiv