Tausend Gesichter der Armut im Iran
Tausend Gesichter der Armut im Iran – Der Körper: das letzte Gut der unteren Klassen
In den meisten Ländern der Welt ist der Handel mit menschlichen Organen aus ethischen, rechtlichen und medizinischen Gründen verboten. Der Iran gehört jedoch zu den wenigen Ländern, in denen ein gesetzlich verankertes und staatlich überwachtes System existiert, das lebenden, nicht verwandten Spender*innen ermöglicht, gegen eine finanzielle Entschädigung eine Niere zu spenden. Diese Zahlung wird unter der wohlklingenden Bezeichnung „altruistische Spende“ geleistet. Neben dieser offiziellen Struktur hat sich in sozialen Medien, Telegram-Kanälen und im Umfeld von Krankenhäusern ein informeller Markt herausgebildet. Dort werden Nieren, Teile der Leber, Knochenmark, Hornhäute sowie sogar Eizellen und Spermien zu Preisen gehandelt, die angeblich in „gegenseitigem Einvernehmen“ vereinbart werden.
Doch zwischen wem soll diese vermeintliche „Vereinbarung“ tatsächlich zustande kommen? Auf der einen Seite steht eine Patientin oder ein Patient beziehungsweise eine Familie mit den notwendigen finanziellen Mitteln. Auf der anderen Seite stehen arbeitslose Jugendliche, verschuldete Arbeiter*innen oder Elternteile, die nicht einmal mehr ihre Miete bezahlen können. Was oberflächlich als freiwillige Transaktion zwischen zwei Personen erscheint, ist in Wirklichkeit eine Umverteilung von Gesundheit: von den Armen zu den Reichen. Wer gezwungen ist, einen Teil des eigenen Körpers zu verkaufen, um das eigene Überleben oder das der Familie zu sichern, handelt nicht aus freiem Willen. Hier wird wirtschaftlicher Zwang als freie Marktentscheidung getarnt.
Der Verkauf eines Organs ist in der Regel nicht der erste Schritt, sondern der letzte Ausweg am Ende einer langen Kette von Entbehrungen, die das Leben einer ganzen Familie zermürbt. Zunächst schöpft die Person, die hauptsächlich für den Lebensunterhalt der Familie verantwortlich ist, sämtliche Möglichkeiten aus, um Arbeit zu finden und die Kosten für medizinische Behandlungen, Lebensmittel und Miete aufzubringen. Anschließend werden die wenigen verbliebenen Besitztümer des Haushalts nach und nach veräußert: Teppiche und Kühlschränke, Fernseher und Fahrräder sowie der kleine Goldschmuck, der ursprünglich als Hochzeitsandenken gedacht war. Danach beginnt die Verschuldung: Geld wird beim Ladenbesitzer um die Ecke, bei Freund*innen und Bekannten geliehen. Wenn schließlich nichts mehr zu verkaufen ist und niemand mehr bereit ist, Geld zu leihen, bleibt als letztes verbliebenes Vermögen nur noch der eigene Körper.
Dieser Bericht zeichnet ein eindrückliches Bild der Lebensrealität der Arbeiter*innenklasse sowie der verarmten städtischen und ländlichen Bevölkerung. Wer über Kapital, Immobilien oder Ersparnisse verfügt, kann sich zumindest teilweise vor wirtschaftlichen Krisen schützen. Wer hingegen nichts außer der eigenen Arbeitskraft besitzt und selbst dafür keinen Abnehmer findet, sieht sich schließlich gezwungen, einen Teil des eigenen Körpers zu verkaufen. Berichte aus der Praxis zeigen, dass die Mehrheit der Menschen, die ihre Nieren zum Verkauf anbieten, zwischen 20 und 35 Jahre alt ist. In ihren Anzeigen nennen sie Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Bankrott, Schulden, die Krankheit eines Familienmitglieds oder den verzweifelten Versuch, die eigenen Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, als Gründe für ihre Entscheidung. Es gibt sogar Berichte über 16-jährige Jugendliche, die aus purer Verzweiflung ihre Nieren zu besonders niedrigen Preisen anbieten.
Wie auf jedem anderen Markt fließen auch hier die größten Gewinne in die Taschen der Zwischenhändlerinnen. Ein Netzwerk aus Maklerinnen, Vermittler*innen in medizinischen Einrichtungen und Teilen der Ärzteschaft, die ausschließlich auf Profit ausgerichtet sind, zieht seinen Nutzen aus diesem menschenverachtenden Handel. Mit dem fortschreitenden Wertverfall des Rial haben die Preise für Nieren auf diesem Markt inzwischen mehrere Milliarden Rial erreicht. Darüber hinaus gibt es sogar Berichte über den Verkauf von Organen ins Ausland.
Um das tatsächliche Ausmaß der Armut im Iran zu erfassen, reichen offizielle Statistiken allein nicht aus. Eine Regierung, die selbst die Opferzahlen von Naturkatastrophen manipuliert, hat kaum ein Interesse daran, das vollständige Ausmaß der Armut offenzulegen. Dennoch sind selbst die veröffentlichten offiziellen Zahlen aufschlussreich. Im Januar 2026 erklärte der Leiter der staatlichen Wohlfahrtsorganisation, dass die Zahl der Menschen, die unterhalb der absoluten Armutsgrenze leben, innerhalb eines Jahrzehnts von etwa 16 Millionen auf 34 Millionen gestiegen sei. Damit lebt mittlerweile fast 40 Prozent der Bevölkerung in absoluter Armut. Zudem sei ein weiterer Anstieg um bis zu zehn Prozentpunkte möglich.
Die Armut im Iran ist keineswegs eine zwangsläufige Folge fehlender Ressourcen. Ihre Ursachen liegen vielmehr in den grundlegenden Strukturen des herrschenden politischen und wirtschaftlichen Systems. Auf politischer Ebene hat die Islamische Republik durch die Verlängerung des achtjährigen Iran-Irak-Krieges, ihre Interventionen in regionale Konflikte, die kostspieligen Atom- und Raketenprogramme sowie die Bereitstellung enormer finanzieller Mittel für den Ausbau religiöser Institutionen den gesellschaftlichen Reichtum und die Früchte der Arbeit und der Entbehrungen der Bevölkerung verschwendet. All dies geschah vor dem Hintergrund einer tief verankerten institutionellen Korruption, in der Vetternwirtschaft und der Zugang zu politischer Macht darüber entscheiden, wer über Reichtum verfügt. Sanktionen und militärische Konflikte haben den wirtschaftlichen und sozialen Druck zusätzlich verschärft. Die Hauptlast dieser Entwicklungen tragen jedoch nicht die politischen und wirtschaftlichen Eliten, sondern die Arbeiter*innen, Lohnabhängigen und ärmsten Bevölkerungsschichten.
Auch auf wirtschaftlicher Ebene verfolgten die aufeinanderfolgenden Regierungen der Islamischen Republik – unabhängig von ihrer jeweiligen politischen Fraktionszugehörigkeit – einen weitgehend einheitlichen Kurs. Umfassende Privatisierungen, die häufig dazu führten, dass öffentliches Eigentum an Personen und Kreise aus dem Umfeld der Machtzentren übertragen wurde, die schrittweise Abschaffung von Subventionen, der Abbau sozialer Leistungen und massenhafte Entlassungen waren zentrale Bestandteile dieser Politik. Arbeitnehmer*innen wurden entlassen, ohne durch eine ausreichende Arbeitslosenversicherung abgesichert zu sein. Sozialleistungen wie Wohngeld und Krankenversicherung wurden gekürzt, während befristete Arbeitsverträge zunehmend an die Stelle sicherer Beschäftigungsverhältnisse traten. Zusammen mit chronischer Inflation und massenhafter Arbeitslosigkeit führte diese Politik dazu, dass die Kosten der wirtschaftlichen Krise systematisch von den Wohlhabenden auf die ärmsten Teile der Gesellschaft abgewälzt wurden.
Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich in der zunehmenden Verbreitung schwerwiegender sozialer Missstände: Prostitution, Suchterkrankungen, Müllsammeln, Obdachlosigkeit, Kinderarbeit und Suizid. Der Organhandel ist dabei nur eines von vielen Gesichtern der Armut. Vielleicht macht er jedoch deutlicher als jedes andere Phänomen sichtbar, wie weit die bestehende gesellschaftliche Ordnung geht, wenn sie menschliches Leben und den menschlichen Körper zur Ware macht.
Despotismus und politische Repression, galoppierende Inflation und explodierende Preise, Massenarbeitslosigkeit und eine immer tiefere Klassenspaltung haben das Leben der arbeitenden Bevölkerung an den Rand des Abgrunds gedrängt. Doch die Arbeiter*innen und unterdrückten Bevölkerungsschichten, die seit fast fünf Jahrzehnten für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kämpfen, werden diesen Kampf fortsetzen. Eine Niere verkaufen zu müssen, um die Miete bezahlen zu können, ist weder eine individuelle noch eine moralische Frage, die sich durch Predigten, moralische Appelle oder strengere Gesetze lösen ließe. Es handelt sich um ein strukturelles Problem, dessen Ursachen in den gesellschaftlichen Klassenverhältnissen liegen. Solange der gesellschaftliche Reichtum in den Händen einer Minderheit konzentriert bleibt und die Mehrheit die Lasten der Krise tragen muss, werden die Körper der Armen weiterhin zur Ware und zum Gegenstand des Handels gemacht.
Der Ausweg aus dieser Hölle liegt in der unabhängigen Organisierung und im gemeinsamen Kampf der Arbeiter*innen und der arbeitenden Bevölkerung. Es geht um existenzsichernde und faire Löhne, eine umfassende Arbeitslosenversicherung, eine allgemeine Gesundheitsversorgung, menschenwürdigen und bezahlbaren Wohnraum sowie das uneingeschränkte Recht auf gewerkschaftliche und politische Organisierung. Nur durch einen solchen Kampf – entschlossener, organisierter und zielgerichteter als je zuvor und auf allen gesellschaftlichen Ebenen – lässt sich eine Ordnung überwinden, in der Menschen gezwungen sind, Teile ihres eigenen Körpers zu verkaufen, nur um überleben zu können.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kommunistischen Partei Irans (Komala) veröffentlicht. Die vorliegende deutsche Fassung basiert auf der englischen Originalversion und wurde mithilfe maschineller Übersetzung ins Deutsche übertragen und anschließend redaktionell sprachlich überarbeitet.
Quelle: Link zur englischen Originalversion
