Für ein menschenwürdiges Leben – gegen Repression im Camp in Bad Sachsa
Liebe solidarische Journalist*innen,
was in der Nacht von Sonntag auf Montag in einer Geflüchtetenunterkunft
in Bad Sachsa passiert ist, darf nicht einfach unter den Tisch fallen.
Das brutale Vorgehen von Polizei und Security muss öffentlich gemacht
werden.
Wir bitten euch, die Berichte und Beschwerden der betroffenen
Geflüchteten ernst zu nehmen und ihren Brief zu veröffentlichen. Ihre
Stimmen müssen gehört werden, gerade dann, wenn es um rassistische
Gewalt und Repression geht.
Die Faschisierung der Gesellschaft schreitet voran – und Geflüchtete
bekommen das besonders deutlich zu spüren: durch Polizeigewalt in
Unterkünften, Abschiebungen und ein tödliches Grenzregime, das Menschen
entrechtet und kriminalisiert.
Solidarität heißt für uns: nicht wegzuschauen, sondern den Betroffenen
den Rücken zu stärken und ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Das ist
nicht nur eine politische Haltung, sondern auch eine Frage der
Verantwortung.
Deshalb unsere Bitte an euch: Veröffentlicht das folgende Statement der
Betroffenen und helft mit, dass das Geschehene nicht verschwiegen wird.
Solidarische Grüße
Anti-Abschiebe-Café Göttingen
AK Asyl Göttingen
Für ein menschenwürdiges Leben – gegen Repression im Camp in Bad Sachsa
In Geflüchtetenunterkünften gehört die Angst vor nächtlichen Abschiebungen für viele Menschen seit Jahren zum Alltag. Wenn nachts plötzlich die Polizei vor der Tür steht, weiß niemand, wen es als
Nächstes trifft. Die ständige Sorge, selbst oder gemeinsam mit der Familie abgeholt zu werden, raubt vielen Menschen den Schlaf und das Gefühl von Sicherheit.
In der Nacht vom 12. Oktober 2026, gegen 2:35 Uhr morgens, kamen etwa 8 Polizist*innen in die Geflüchtetenunterkunft in Bad Sachsa, um eine Familie im Rahmen des sogenannten Dublin-Verfahrens in ein anderes EU-Land abzuschieben.
Bei ihrer Ankunft stellten die Beamt*innen fest, dass ein etwa siebenjähriges Kind der Familie nicht anwesend war. Daraufhin wurde der Vater von Polizei und Security massiv unter Druck gesetzt, den
Aufenthaltsort seines Kindes zu nennen. Währenddessen weinten die jüngeren Kinder, darunter ein erst zweijähriges Kind. Sie waren verängstigt und mussten miterleben, wie ihre Eltern enorm unter Druck
gesetzt wurden.
Als das Kind im Zimmer der Familie nicht gefunden werden konnte, durchsuchten die Security die Zimmer der gesamten Geflüchtetenunterkunft – vom Ersten bis zum Letzten, während die Polizei vor den Zimmertüren im Flur Wache stand. Fast alle Bewohnerinnen wurden mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und wussten nicht, was vor sich ging oder warum ihre Zimmer durchsucht wurden. Nach etwa eineinhalb Stunden Durchsuchung und Einschüchtertung verließ die Polizei das Camp gegen 4 Uhr. Für viele Bewohnerinnen war an Schlaf nicht mehr zu denken. Die Angst vor Abschiebungen wurde in dieser Nacht durch das unmittelbare Erleben der Durchsuchungen und Einschüchterungen noch verstärkt.
Besonders erschreckend sind die möglichen Folgen für die Kinder. Seit dem Vorfall reagieren einige Kinder offensichtlich angstvoll auf das Sicherheitspersonal und laufen vor ihnen davon. Ein Ort, an dem Kinder Schutz finden sollten, wird so zu einem Ort, an dem sie sich nicht mehr
sicher fühlen können.
Wir verurteilen dieses brutale Vorgehen. Kein Abschiebungsverfahren und keine behördliche Maßnahme rechtfertigen es, Menschen derart einzuschüchtern, ihre Würde zu verletzen oder ihre Privatsphäre zu
missachten. Auch Geflüchtete haben das Recht auf Sicherheit, körperliche Unversehrtheit und ein Leben in Würde – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus.
Eine Unterkunft muss ein Ort des Schutzes sein, kein Ort der Angst vor Polizei und Security. Besonders Kinder, ältere Menschen und Familien dürfen nicht den Folgen rücksichtsloser Maßnahmen ausgeliefert werden.
Wir fordern, dass das Sicherheitspersonal im Lager seine Aufgaben professionell ausführt und nicht die gesetzlichen Befugnisse überschreitet! Zu seinen Aufgaben darf es nicht gehören, Geflüchtete
einzuschüchtern, unnötigerweise polizeiliche Befugnisse auszuüben oder sich in einer Weise zu verhalten, die die Rechte der Geflüchteten verletzen könnte.
Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Beteiligten vor Ort. Auch die zuständigen Behörden und die politische Ausrichtung der Asyl- und Abschiebepolitik müssen hinterfragt werden. Angst und Unsicherheit
dürfen nicht noch mehr zum normalen Alltag von Geflüchteten werden.
Wir fordern die Leitung des Camps in Bad Sachsa, die Landesaufnahmebehörde, das BAMF, die zuständige Ausländerbehörde, die Polizei und die politisch Verantwortlichen auf, ihre jeweilige
Verantwortung zu übernehmen. Der Vorfall muss aufgeklärt werden. Die Rechte und die Privatsphäre der Bewohner*innen müssen geschützt und Übergriffe verhindert werden. Besonders Kinder, Familien und ältere Menschen dürfen nicht durch brutale Maßnahmen zusätzlich verängstigt und
traumatisiert werden.
Kein Abschiebungsverfahren und keine politische Entscheidung darf als Rechtfertigung für die Verletzung der Menschenwürde dienen. Wir erwarten, dass alle Verantwortlichen konkrete Konsequenzen ziehen und
sicherstellen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.
Denn ein menschenwürdiges Leben bedeutet mehr als ein Dach über dem Kopf: Es bedeutet, ohne ständige Angst vor der Polizei oder einer nächtlichen Abschiebung leben zu können, die eigenen Kinder in Sicherheit aufwachsen zu sehen und gemeinsam eine Zukunft aufbauen zu
können.
Wir als Geflüchtete brauchen menschenwürdigen Wohnraum statt Unterkünfte mit permanenter Überwachung. Wir haben das Recht, in Würde, selbstbestimmt und ohne Angst zu leben.
Pressekontakt:
Göttinger Arbeitskreis zur Unterstützung Asylsuchender e.V.
Geismar Landstraße 19
37083 Göttingen
