Für ein menschenwürdiges Leben – gegen Repression im Camp in Bad Sachsa

Hallo!
Im folgenden dokumentieren wir den offenen Brief einer geflüchteten
Person aus dem Camp in Bad Sachsa. Wir sind solidarisch mit dem Kampf
der Geflüchteten gegen Abschiebung, Schikane und Rassismus und stellen
uns hinter die Forderungen von Milca M.

Bei Rückfragen schreibt gerne eine Mail an unsere Adresse:

akasylgoe@emdash.org

Mit besten Grüßen, akasylgö

Hier veröffentlichen wir den Beschwerdebrief von Milca

Betreff: Beschwerde über den Umgang mit meinen Bluttestergebnissen, meine medizinische Versorgung und den Datenschutz

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 7. Oktober 2026 ging ich zur medizinischen Station, um mich über die Bedeutung meiner Blutwerte zu informieren. Mein Blut war zuvor vom zuständigen Arzt in der Flüchtlingsunterkunft abgenommen worden. Im Rahmen eines Termins in der Asklepios Klinik war ich gebeten worden, meine Bluttestergebnisse zu diesem Termin mitzubringen.

Am 7. Oktober fragte ich den Arzt in der medizinischen Station nach der Bedeutung meiner Blutwerte. Der Arzt hielt meine Blutergebnisse in der Hand und sagte an der Rezeption zu mir, dass diese weder gut noch schlecht seien. Auf meine wiederholte Nachfrage, was das genau bedeute, und meine Bitte, mir die Ergebnisse zu erläutern, antwortete er, dass erneut Blut abgenommen würde, wenn es mir nicht gut gehe.

Ich erklärte ausdrücklich, dass ich keine weitere Blutuntersuchung wünsche, sondern lediglich eine verständliche Erklärung meiner bereits vorliegenden Ergebnisse benötige. Statt mich in das Arztzimmer zu bitten und mir die Werte in einem vertraulichen Gespräch zu erläutern, wiederholte der Arzt lediglich, dass die Ergebnisse weder gut noch schlecht seien.

Anschließend wurde ich gefragt, ob ich noch etwas anderes benötige. Daraufhin bat ich um einen Termin bei einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen. Bei meinem Termin in der Asklepios Klinik hatte die Ärztin im Rahmen der Erhebung meiner Gesundheitsdaten und der Besprechung meiner körperlichen Beschwerden darauf hingewiesen, dass ich aufgrund meiner anhaltenden Unterleibskrämpfe gynäkologisch untersucht werden sollte.

Der Arzt in der medizinischen Station ging auf meine Bitte nicht ein. Stattdessen erklärte mir die Mitarbeiterin an der Rezeption, ohne mich zuvor nach meiner Krankengeschichte oder der Dauer meiner Beschwerden gefragt zu haben, dass ich keinen entsprechenden Termin erhalten könne und die Schmerzen dafür mindestens drei Monate bestehen müssten. Tatsächlich leide ich bereits wesentlich länger unter diesen Beschwerden. Weder der Arzt noch die Mitarbeiterin fragten mich jedoch nach der Dauer, der Intensität oder den näheren Umständen meiner Schmerzen.

Da mir nicht weitergeholfen wurde, kehrte ich in mein Zimmer zurück. Etwa eine Stunde später rief mich eine Bekannte aus dem Camp an und teilte mir mit, dass Post für mich angekommen sei. Sie schickte mir ein Foto eines Dokuments, das gefaltet in meinem Türschlitz steckte. Es hatte zuvor niemand bei mir geklopft. Als ich das Dokument an mich nahm, stellte ich fest, dass es sich um den Ausdruck meiner Bluttestergebnisse handelte.

Dieses Vorgehen halte ich für äußerst unangemessen. Bei medizinischen Untersuchungsergebnissen handelt es sich um besonders sensible personenbezogene Daten. Auf dem Dokument waren mein vollständiger Name, mein Geburtsdatum und meine Blutwerte zu erkennen. Durch die Ablage des Dokuments im Türschlitz ohne Umschlag und ohne persönliche Übergabe bestand die Gefahr, dass unbefugte Personen Zugang zu diesen vertraulichen Informationen erhalten konnten. Aus meiner Sicht hätte das Dokument zumindest in einem verschlossenen Umschlag übergeben werden müssen, um meine Privatsphäre und den Schutz meiner Gesundheitsdaten zu gewährleisten.

Hiermit möchte ich mich ausdrücklich über folgende Punkte beschweren:

  • Meine Bluttestergebnisse wurden im öffentlich zugänglichen Rezeptionsbereich der medizinischen Station besprochen, anstatt die Angelegenheit in einem vertraulichen Gespräch zu klären.
  • Trotz meiner wiederholten Nachfrage wurde mir die Bedeutung meiner Blutwerte nicht verständlich erklärt.
  • Meine anhaltenden Unterleibsbeschwerden wurden aus meiner Sicht nicht ausreichend ernst genommen. Insbesondere wurde keine erkennbare Anamnese zu meinen Beschwerden durchgeführt, bevor meine Bitte um einen gynäkologischen Termin abgelehnt wurde.
  • Meine sensiblen Gesundheitsdaten wurden nicht auf eine Weise übergeben, die ihre Vertraulichkeit ausreichend schützte. Durch die Ablage des Dokuments im Türschlitz waren meine persönlichen Daten möglicherweise für unbefugte Personen zugänglich.

Ich bitte Sie, die geschilderten Vorfälle zu prüfen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Vielen Dank

Mit freundlichen Grüßen
Milca. M


untergebracht in Pfaffenberg 6, 37441 Bad Sachsa

Statement zum gewaltsamen Abschiebeversuch einer Familie in Bad Sachsa am 12. Oktober

english below

Folgendes Statement, das geflüchtete Bewohnerinnen des Camps in Bad Sachsa geschrieben haben, haben wir, der AK Asyl und das Anti-Abschiebe-Café, an lokale und regionale Pressevertreterinnen geschickt.
was in der Nacht von Sonntag auf Montag in einer Geflüchtetenunterkunft
in Bad Sachsa passiert ist, darf nicht einfach unter den Tisch fallen.
Das brutale Vorgehen von Polizei und Security muss öffentlich gemacht
werden.
Wir bitten euch, die Berichte und Beschwerden der betroffenen
Geflüchteten ernst zu nehmen und ihren Brief zu veröffentlichen. Ihre
Stimmen müssen gehört werden, gerade dann, wenn es um rassistische
Gewalt und Repression geht.
Die Faschisierung der Gesellschaft schreitet voran – und Geflüchtete
bekommen das besonders deutlich zu spüren: durch Polizeigewalt in
Unterkünften, Abschiebungen und ein tödliches Grenzregime, das Menschen
entrechtet und kriminalisiert.
Solidarität heißt für uns: nicht wegzuschauen, sondern den Betroffenen
den Rücken zu stärken und ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Das ist
nicht nur eine politische Haltung, sondern auch eine Frage der
Verantwortung.
Deshalb unsere Bitte an euch: Veröffentlicht das folgende Statement der
Betroffenen und helft mit, dass das Geschehene nicht verschwiegen wird.

Solidarische Grüße
Anti-Abschiebe-Café Göttingen
AK Asyl Göttingen

Für ein menschenwürdiges Leben – gegen Repression im Camp in Bad Sachsa

In Geflüchtetenunterkünften gehört die Angst vor nächtlichen Abschiebungen für viele Menschen seit Jahren zum Alltag. Wenn nachts plötzlich die Polizei vor der Tür steht, weiß niemand, wen es als
Nächstes trifft. Die ständige Sorge, selbst oder gemeinsam mit der Familie abgeholt zu werden, raubt vielen Menschen den Schlaf und das Gefühl von Sicherheit.

In der Nacht vom 12. Oktober 2026, gegen 2:35 Uhr morgens, kamen etwa 8 Polizist*innen in die Geflüchtetenunterkunft in Bad Sachsa, um eine Familie im Rahmen des sogenannten Dublin-Verfahrens in ein anderes EU-Land abzuschieben.

Bei ihrer Ankunft stellten die Beamt*innen fest, dass ein etwa siebenjähriges Kind der Familie nicht anwesend war. Daraufhin wurde der Vater von Polizei und Security massiv unter Druck gesetzt, den
Aufenthaltsort seines Kindes zu nennen. Währenddessen weinten die jüngeren Kinder, darunter ein erst zweijähriges Kind. Sie waren verängstigt und mussten miterleben, wie ihre Eltern enorm unter Druck
gesetzt wurden.

Als das Kind im Zimmer der Familie nicht gefunden werden konnte, durchsuchten die Security die Zimmer der gesamten Geflüchtetenunterkunft – vom Ersten bis zum Letzten, während die Polizei vor den Zimmertüren im Flur Wache stand. Fast alle Bewohnerinnen wurden mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und wussten nicht, was vor sich ging oder warum ihre Zimmer durchsucht wurden. Nach etwa eineinhalb Stunden Durchsuchung und Einschüchtertung verließ die Polizei das Camp gegen 4 Uhr. Für viele Bewohnerinnen war an Schlaf nicht mehr zu denken. Die Angst vor Abschiebungen wurde in dieser Nacht durch das unmittelbare Erleben der Durchsuchungen und Einschüchterungen noch verstärkt.

Besonders erschreckend sind die möglichen Folgen für die Kinder. Seit dem Vorfall reagieren einige Kinder offensichtlich angstvoll auf das Sicherheitspersonal und laufen vor ihnen davon. Ein Ort, an dem Kinder Schutz finden sollten, wird so zu einem Ort, an dem sie sich nicht mehr
sicher fühlen können.
Wir verurteilen dieses brutale Vorgehen. Kein Abschiebungsverfahren und keine behördliche Maßnahme rechtfertigen es, Menschen derart einzuschüchtern, ihre Würde zu verletzen oder ihre Privatsphäre zu
missachten. Auch Geflüchtete haben das Recht auf Sicherheit, körperliche Unversehrtheit und ein Leben in Würde – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus.

Eine Unterkunft muss ein Ort des Schutzes sein, kein Ort der Angst vor Polizei und Security. Besonders Kinder, ältere Menschen und Familien dürfen nicht den Folgen rücksichtsloser Maßnahmen ausgeliefert werden.
Wir fordern, dass das Sicherheitspersonal im Lager seine Aufgaben professionell ausführt und nicht die gesetzlichen Befugnisse überschreitet! Zu seinen Aufgaben darf es nicht gehören, Geflüchtete
einzuschüchtern, unnötigerweise polizeiliche Befugnisse auszuüben oder sich in einer Weise zu verhalten, die die Rechte der Geflüchteten verletzen könnte.

Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Beteiligten vor Ort. Auch die zuständigen Behörden und die politische Ausrichtung der Asyl- und Abschiebepolitik müssen hinterfragt werden. Angst und Unsicherheit
dürfen nicht noch mehr zum normalen Alltag von Geflüchteten werden.
Wir fordern die Leitung des Camps in Bad Sachsa, die Landesaufnahmebehörde, das BAMF, die zuständige Ausländerbehörde, die Polizei und die politisch Verantwortlichen auf, ihre jeweilige
Verantwortung zu übernehmen. Der Vorfall muss aufgeklärt werden. Die Rechte und die Privatsphäre der Bewohner*innen müssen geschützt und Übergriffe verhindert werden. Besonders Kinder, Familien und ältere Menschen dürfen nicht durch brutale Maßnahmen zusätzlich verängstigt und
traumatisiert werden.

Kein Abschiebungsverfahren und keine politische Entscheidung darf als Rechtfertigung für die Verletzung der Menschenwürde dienen. Wir erwarten, dass alle Verantwortlichen konkrete Konsequenzen ziehen und
sicherstellen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.
Denn ein menschenwürdiges Leben bedeutet mehr als ein Dach über dem Kopf: Es bedeutet, ohne ständige Angst vor der Polizei oder einer nächtlichen Abschiebung leben zu können, die eigenen Kinder in Sicherheit aufwachsen zu sehen und gemeinsam eine Zukunft aufbauen zu
können.

Wir als Geflüchtete brauchen menschenwürdigen Wohnraum statt Unterkünfte mit permanenter Überwachung. Wir haben das Recht, in Würde, selbstbestimmt und ohne Angst zu leben.

Pressekontakt:
Göttinger Arbeitskreis zur Unterstützung Asylsuchender e.V.
Geismar Landstraße 19
37083 Göttingen

original english version:

For a Life in Dignity – Against Repression in the Camp in Bad Sachsa

In accommodation centres for refugees, the fear of being deported during the night has been part of everyday life for many people for years. When the police suddenly show up at the door at night, nobody knows who will be next. The constant fear of being taken away themselves or together with their family robs many people of sleep and their sense of safety.
On the night of 12 October 2026, at around 2:35 a.m., around 8 police officers entered the refugee accommodation centre in Bad Sachsa to deport a family to another EU country under the so-called Dublin procedure.
When they arrived, the officers discovered that one of the family’s children, around seven years old, was not present. The father was then put under severe pressure by the police and security staff to reveal where his child was. Meanwhile, the younger children were crying, including a child who was only two years old. They were frightened and had to witness their parents being put under enormous pressure.
When the child could not be found in the family’s room, the police and security staff searched the rooms throughout the entire refugee accommodation centre, from the first room to the last. Most residents were woken up in the middle of the night and did not know what was happening or why their rooms were being searched.
For many residents, going back to sleep was no longer possible. That night, the fear of deportation was made even worse by the fear of searches and intimidation.
The possible consequences for the children are particularly disturbing. Since the incident, some children have visibly reacted with fear to the security staff and run away from them. A place where children should find protection has thus become a place where they can no longer feel safe.
We condemn this brutal treatment. No deportation procedure and no official measure can justify intimidating people in this way, violating their dignity or disregarding their privacy. Refugees also have the right to safety, physical integrity and a life in dignity, regardless of their residence status.
Accommodation must be a place of protection, not a place where people live in fear of the police and security staff. Children, older people and families in particular must not be left to suffer the consequences of ruthless measures. We demand that security staff in the camp carry out their duties professionally and do not exceed their legal powers! Their duties must not include intimidating refugees, unnecessarily exercising police powers or behaving in ways that could violate the rights of refugees.
Responsibility does not lie solely with those directly involved on site. The responsible authorities and the political direction of asylum and deportation policies must also be questioned. Fear and insecurity must not become an even more normal part of everyday life for refugees.
We call on the management of the camp in Bad Sachsa, the State Reception Authority, the Federal Office for Migration and Refugees (BAMF), the responsible immigration authority, the police and those politically responsible to fulfil their respective responsibilities. The incident must be investigated and clarified. The rights and privacy of residents must be protected, and abuses must be prevented. Children, families and older people in particular must not be subjected to even more fear as a result of brutal measures.
No deportation procedure and no political decision may be used to justify a violation of human dignity. We expect everyone responsible to take concrete action and ensure that incidents like this do not happen again.
Because living in dignity means more than just having a roof over one’s head. It means being able to live without constant fear of the police or being deported during the night, seeing one’s children grow up in safety, and building a future together.
We, as refugees, need decent housing instead of accommodation centres where we are under constant surveillance. We have the right to live with dignity, to make our own decisions about our lives, and to live without fear.