Ein Land im Schlachthaus: Eine Elegie auf ein Massaker und eine Anklage gegen seine Architekten
Ein Land trauert. Ein Land ist in Blut getränkt. Ein Land hat eine Katastrophe erlitten, deren Fassung selbst für Millionen trauernder Menschen schwer, ja mitunter unmöglich erscheint. Wir sprechen vom Massaker an Tausenden protestierenden, nach Gerechtigkeit strebenden Menschen auf den Straßen und Plätzen. Wir sprechen von vier finsteren Tagen, an denen der Repressionsapparat ohne jede Verschleierung und Zurückhaltung Hinrichtungen auf offener Straße zur offiziellen Politik erklärte. Wir sprechen von blutüberströmten Leichen, die angeblich auf öffentlichen Straßen aufgetürmt wurden – um nicht nur die Herzen der Protestierenden, sondern die Seele einer hungrigen und wütenden Gesellschaft mit Schrecken zu erfüllen; damit die Herrschaft der herrschenden Tyrannen durch die unverhohlene Zurschaustellung des Todes gefestigt werden konnte.
Millionen Menschen im Iran haben eine Erfahrung gemacht, die nicht dem üblichen Verständnis von „Repression“ entspricht, sondern einem Massaker. Die Zahlen ändern sich ständig: zweitausend, dreitausend, fünftausend, zehntausend, zwölftausend Tote… Doch hinter jeder Zahl steht ein Leben; und hinter jedem Leben verbergen sich unzählige menschliche Bindungen, erfüllt von Liebe und Hoffnung für die Zukunft. Jede Zahl steht für einen Namen, der nie wieder genannt wird; eine Hand, die nie wieder arbeiten wird; ein Auge, das den nächsten Tag nicht mehr sehen wird. Dieses Massaker hat nicht nur Menschenleben, sondern die gesamte soziale Existenz der Gemeinschaft zerstört.
Die Anhäufung durchlöcherter, blutiger Leichen, die Angst und Schrecken verbreiten sollten, ist ein Schandfleck, der weder aus dem kollektiven Gedächtnis noch aus der Menschheitsgeschichte verschwinden wird. Die Schreie der trauernden Mütter nach Gerechtigkeit, die mit jeder Protestwelle emporstiegen, sind nun in nächtliches Weinen übergegangen, das dieses ganze unglückselige Land erfasst hat. Straßen, die vier Tage lang jede Nacht gereinigt wurden, sind jeden Morgen aufs Neue vom Blut der Aufständischen rot gefärbt. Nun gleicht dieses Land einer trauernden Mutter; und die Welt schaut mit fassungslosen Augen zu – und teilt zugleich diese Trauer.
Doch diese Katastrophe ist nicht allein das Ergebnis der Grausamkeit eines Regimes. Dieses Schlachthaus ist eine Bühne, auf der vielfältige Kräfte ihren Beitrag geleistet haben. Neben den betätigten Waffen und den erteilten Befehlen wirkte auch ein politisches Projekt: ein Projekt, das den sozialen Aufstand vom Weg der Emanzipation ablenkte und hin zu blindem Aufruhr, der Illusion von Rettung von außen und dem riskanten Spiel mit der Intervention ausländischer Mächte lenkte.
Stellvertretergruppen der USA und Israels spielten eine gefährliche Rolle in dieser Katastrophe, indem sie politisch von der Wut der Bevölkerung profitierten, einen schnellen Sieg versprachen, trügerische „globale Unterstützung“ inszenierten und den Aufstand auf einen Kampf um den Sturz der Regierung reduzierten. Sie machten den Aufstand zum Spielball politischer Spekulationen, instrumentalisierten das vergossene Blut als Druckmittel regionaler und globaler Mächte und heizten die Proteste durch militärische und interventionistische Szenarien weiter an.
Dieses schmutzige Spiel ist noch nicht beendet. Das Projekt, einen Protestaufstand als Instrument für Verhandlungen und Krieg zu instrumentalisieren, geht weiter. Dieselben Kräfte, die der Bevölkerung einst einen „Sieg aus der Luft“ versprochen hatten, versuchen heute noch, aus diesem Massaker politisches Kapital zu schlagen. Dieselben Mächte, die jahrzehntelang Partner bei Sanktionen für Verhandlungen, Armut und Unterdrückung waren, geben sich nun als „Unterstützer des Volkes“ aus. Und dasselbe Projekt, das den Aufstand von innen heraus ausgehöhlt hat, setzt seine Bemühungen fort, das vergossene Blut in ein Instrument politischer Verhandlungen zu verwandeln.
Doch die Wahrheit ist ungeschminkt: Dieses Massaker ist das Ergebnis des verhängnisvollen Zusammenwirkens von innerstaatlichem Despotismus und imperialistischen Stellvertreterkriegen. Es ist das Ergebnis der Aussetzung unabhängiger, volksnaher und klassenbasierter Politik. Es ist das Ergebnis jenes Augenblicks, als der Aufstand – unorganisiert, ohne klare Perspektive und ohne unabhängige Macht – in den Machtkampf zwischen den Großmächten geriet.
Diese tragische und bedauerliche historische Tragödie unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit einer organisierten Bewegung und die Bedeutung der immensen Klassenmacht der Arbeiterklasse. Eine Klasse, die aufgrund ihres Wesens und ihrer Natur den Aufstieg und Fortschritt der Bewegung mit der Vorbereitung und Organisation der Proteste verknüpft; eine Klasse, die auf dem Höhepunkt eines Aufstands die wirtschaftlichen, verkehrstechnischen, energetischen und sogar militärischen Lebensadern der Herrschenden lahmlegt und ihnen die Möglichkeit nimmt, solche Verbrechen zu begehen.
Inmitten dieser immensen Trauer ist es nicht unsere Pflicht, bloß zu weinen. Trauer, die nicht in Bewusstsein mündet, wird erneut Opfer fordern. Es muss laut ausgesprochen werden: Kein Blut darf neuen Despoten als roter Teppich dienen, kein Massaker darf Machthabern als Sprungbrett dienen, und kein Aufstand darf, wie schon so oft, auf Kosten der Unterdrückten dazu missbraucht werden, die bestehende Herrschaftsordnung zu reproduzieren.
16. Januar 2026 – 26. Dey 1404
Internationalistische Arbeiterorganisation
Quelle:
https://libcom.org/article/land-slaughterhouse-elegy-massacre-and-indictment-its-architects
